Trotz Alter und Demenz ein selbstbestimmtes Leben führen

Rostocker Forscherteam arbeitet zum demographischen Wandel

Deutschlands Bevölkerung wird immer älter. Besonders betroffen ist Mecklenburg Vorpommern. Hier gibt es eine geringere Geburtenrate sowie ein Wegzug von jungen, arbeitsfähigen Leuten. Ein Bereich der interdisziplinären Fakultät der Universität Rostock beschäftigt sich mit dieser Problematik. Das Department “Altern des Individuums und der Gesellschaft” (AGIS) forscht in den Projektbereichen “Kognition, Orientierung, Gedächtnis”, “Bewegung, physische Leistungsfähigkeit“ und „Individuelle Lebensbewältigung und gesellschaftliche Teilhabe“.

Logo des Departments „Altern des Individuums und der Gesellschaft“
Quelle: Uni Rostock

 

Eine Gesellschaft altert dann, wenn die Menschen immer älter und weniger Kinder geboren werden. Dann steigt der Anteil der älteren Einwohner an der Gesamtbevölkerung. Das liegt vor allem an dem medizinischen Fortschritt. Die Sterberate von Mütter und Säuglingen wurde klar reduziert, körperlich belastende Berufe sind zurückgegangen und der Lebensstil passt sich der Gesundheit an.

Grafik, wie sich die Gesellschaft verändert
Quelle: Berliner Institut

Dr. Sarah Weschke ist die wissenschaftliche Koordinatorin des Departments AGIS. Sie ist für den organisatorischen Teil zuständig. Zum einen arrangiert Dr. S. Weschke die regelmäßigen Treffen des Vorstands sowie die Sitzungen der Mitgliederversammlung. Andererseits hat sie einen Überblick über die Forschungsprojekte einzelner Mitglieder. Gleichzeitig erledigt sie, mit vielen anderen Partnern zusammen, die Antragstellungen für zum Beispiel Forschungsgelder. Darüber hinaus arbeitet Dr. Sarah Weschke sowohl in der Forschung wie im Bereich “technische Assistenzsysteme für Menschen mit Demenz” als auch in der “Angehörigen Unterstützung”. Ebenfalls führt sie neuropsychologische Tests mit den Patienten durch.

Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)

Aus den drei Projektbereichen kristallisierten sich zum einen der Schwerpunkt Demenzassistenz und Mobilität heraus. Der Fokus liegt darin, an Demenz Erkrankte besser in die Gesellschaft zu integrieren und eine bessere Unterstützung für Sie und ihre Angehörige zu schaffen. Weiterhin soll erforscht werden, wie eine Kräftigung unter anderem des Gedächtnisses, der Orientierung und der körperlichen Leistungsfähigkeit erreicht werden kann. Der zweite Schwerpunkt trägt den Namen “Best Agers”. Im Vordergrund stehen hier die Erwerbstätigkeit Älterer und die Altersbilder der Gesellschaft.

Eine große Frage lautet, wie man den Menschen helfen kann sich besser zu orientieren. “Man sagt ja Demenz ist das, wobei das Gedächtnis kaputt geht und man sich nicht mehr erinnern und keine neuen Sachen mehr erlernen kann. Aber ein Großes Problem sind eben auch die Orientierungsprobleme” so Dr. S. Weschke. In der Forschung wird an sogenannte Assistenzsystemen gearbeitet, welche bei der Orientierung Demenzerkrankter unterstützen sollen. Diese Systeme sollen aber nur dann eingreifen, wenn wirklich eine Desorientierung vorhanden ist. “Wichtig ist, dass nicht der gesamte Weg vorgegeben wird, so dass Ressourcen des Betroffenen weiterhin gefördert werden.” erläutert die Wissenschaftlerin weiter. Viele Demenzerkrankte isolieren sich, da sie Angst haben sich zu verlaufen und den Weg nicht wieder zurückfinden. Auch Menschen, welche in Einrichtungen leben soll so geholfen werden. Sensoren sollen herausfinden,

wann eine Person desorientiert ist. Wenn diese zum Beispiel auf dem Weg zur Therapie ist und nach rechts anstatt nach links geht, soll möglicherweise ein Warnton abgegeben werden. Damit die nicht orientierte Person merkt, dass etwas nicht stimmt und umkehren kann. Da der gesetzliche Ausstieg aus dem Arbeitsleben inzwischen bei 67 Jahren liegt, müssen immer mehr Menschen für die Renten aufkommen. Demnach muss der Arbeitsmarkt darauf eingehen, dass die Leute länger arbeiten. Es werden Lösungen gesucht, wie fitte ältere Menschen mit einem gesundem Lebensstil, besser in die Arbeitswelt einbezogen werden können. “Gemeint sind Maßnahmen wie Weiterbildungen im Alter. Auch um zu zeigen, dass Ältere noch wertvolle Arbeitskräfte sind.” sagt Dr. S. Weschke. Generell ist die Lebenserwartung gestiegen. “Viele wollen ja länger arbeiten. Somit lohnt es sich auch noch dort zu investieren.” so die Wissenschaftlerin weiter.

Kurzinterview mit Frau Dr. Sarah Weschke:

Seit wann beschäftigt sich die Uni Rostock mit dem Altern des Individuums/ Der Gesellschaft?
Die interdisziplinäre Fakultät wurde 2007 gegründet und AGIS ist von Anfang an dabei gewesen.

Wie viele Personen forschen derzeit insgesamt am „Alter des Individuums und der Gesellschaft“ in Rostock?
Das lässt sich schlecht in Zahlen sagen. Momentan gibt es 27 Mitglieder. Davon sind fast alle Professoren, welche jeweils ihre Arbeitsgruppen haben. Der Professor ist der Leiter der Arbeitsgruppe und dieser hat ein paar wissenschaftliche Mitarbeiter und Doktoranden, studentische Hilfskräfte usw.

Ab wann ist man Demenzgefährdet?
Es kommt drauf an. Es gibt Unterschiedliche Demenzformen, die häufigste ist Alzheimer- Demenz. Der größte Risikofaktor ist mit Abstand das Alter. Also je älter man ist desto höher ist die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken. Es gibt Ablagerungen im Hirn und das kann im späteren Alter dazu führen, dass man Kognitive Defizite hat.

Wo werden Ansätze hergeholt?
Es ist so, man überlegt sich eine Fragestellung und liest dazu Literatur und informiert sich, was zu diesem Thema schon gemacht wurde. Darauf aufbauend designt man dann seine eigene Studie.

Welches Forschungsthema steht momentan im Fokus?
Auf jeden Fall die Assistenzsysteme und dann ein Projekt welches sich derzeit noch in der Begutachtung befindet. Da geht es ums Wohnen im demografischen Wandel. Das nennt sich ‚Bündnis A2030‘ und es geht um die Entwicklung von  innovativen Formen der Mobilität entlang der A20 für das Jahr 2030.“ Die Umgebung muss mit beachtet werden, es bringt ja nichts, wenn man mobil bis zur Gartentür ist, aber darüber hinaus nicht. Während der Konzepterstellung haben wir mit Betroffenen geredet, das nennt man „partizipative Forschung.”

Wird es bald ein Medikament geben, womit sich Demenz regenerieren lässt?
Es ist schwierig Gewebe, welches schon zerstört ist wieder zu regenerieren. Bei Alzheimer gibt es sogenannte „Plugs“, die sich im Gehirn ablagern. Das sind Eiweiße. Derzeit wird erforscht, inwiefern diese Ablagerungen, zerstört werden können, bevor sie das Gewebe kaputt machen.

Bei der Forschung werden die Patienten miteinbezogen. Dies geschieht teils in der “realen Welt” wie z. B. in der Stadt aber auch im Labor und in Krankenhäusern. Um Daten für die Assistenzsysteme aufzuzeichnen wurden Patienten mit Sensoren am Fuß-, Handgelenk und einem Brustgurt ausgestattet. Diese messen unter anderem Beschleunigung und Bewegung. Die Patienten sollten den Weg von einem Punkt zum anderen laufen.  “Das Verhalten der Personen wurde zusammen mit den Sensordaten ausgewertet. Dann wurde geguckt inwiefern man erkennen kann ob die Leute orientiert oder desorientiert sind.” teilt Dr. S. Weschke mit. Im Bereich der Trainingswissenschaft in der Universität Rostock gibt es ein “Ganganalyselabor”. Dies beinhaltet ein Laufband sowie eine 360 Grad Leinwand. Hier erfassen Forscher Schrittweite, -länge und Geschwindigkeit. “Im Labor können wir viel besser und kontrollierter, als in der realen Umgebung, Faktoren erfassen, weil hier alle Störungsfaktoren enthalten sind: Die Ampel ist rot, andere Passanten oder Autos kommen.” fügt die Wissenschaftlerin hinzu.

Das Ganganalyselabor der Universität Rostock
Quelle: Dr. S. Weschke

Das Department Altern des Individuums und der Gesellschaft sucht nach neuen Lösungen, denn Mobilität, Gesundheit und die soziale Teilhabe bedingen sich gegenseitig. Dafür ist eine Zusammenarbeit von Medizin, Geisteswissenschaften und Ingenieurwesen notwendig.

Das gegenseitige Bedingen der drei Aspekte

Text, Foto, Grafik: Sophie Berganski

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