Is(s) mal was anderes

Radoslaw Pacek
Der Mann hinter Rostocks Fernkostladen

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Im Herzen von Rostock. Hier pulsiert das Leben. Draußen quält sich über holpriges Kopfsteinpflaster der Verkehr durch die vielen Seitenstraßen. Autos, Studenten und Fahrräder – die typische Melange dieses Rostocker Stadtteils. Nur einige Fußbreit von der Heiligen-Geist-Kirche gibt es echte Raritäten der Snack- und Getränkewelt zu kaufen.

250 verschiedene Leckereien aus aller Welt bringt Radoslaw Pacek den Kunden seines neuen Geschäfts „Fernkost – Pacek“ näher. Darunter auch Produkte aus seiner Heimat Polen, seltene Snacks aus den USA und Craft Biere aus kleinen Brauereien Deutschlands und der Welt.

In einer Nacht vor ziemlich genau 28 Jahren schläft Radoslaw Pacek auf der Rückbank eines polnischen Autos. Es ist das Auto seiner Eltern und die Fahrt in ein neues Leben. Erst am Zielort wacht der damals vierjährige Radoslaw auf. Lübeck. Im Norden von Deutschland. Hier verbringt Radoslaw die nächsten 25 Jahre seines Lebens. Er lernt Freunde kennen und mit ihnen die deutsche Sprache. Er geht in die Schule und genießt die Auswahl im Süßigkeitenregal. Dass die Schwäche für Naschereien mal mit seinem späteren Beruf zu tun haben wird, kann sich Radoslaw als Schulkind nicht erträumen. Favorisiert er anfänglich noch die Arbeit beim Bundesgrenzschutz, merkt er mit der Zeit, dass er gut mit Menschen umgehen kann und auch Interesse daran hat, mit Menschen zu kommunizieren und ihnen zu helfen.

Radoslaws Weg zum eigenen Geschäft beginnt mit einer dreijährigen Ausbildung bei EDEKA. Als Verkäufer wird er sicher im Umgang mit Kunden und lernt die Ware kennen. Schon bald reicht ihm das tägliche Angebot nicht mehr. Radoslaw erinnert sich, wie er als Vierjähriger mit großen leuchtenden Augen in das Schaufenster eines Lübecker Süßwarenladens geschaut hat. Dieses Gefühl möchte er nicht verlieren. Also probiert Radoslaw fernab des Supermarktangebotes Neues aus. Er bestellt sich Süßwaren im Internet und holt sich eine Auswahl der vielen, neuen Produkte, die in seiner Heimat Polen aufkommen, in seine Lübecker Wohnung. Radoslaw übernimmt mittels Juniorenaufstiegsprogramm die Aufgaben als Führungskraft und denkt gleichzeitig über einen eigenen Laden nach. Für diesen ausgesprochenen Gedanken, wird er anfänglich noch von seiner Familie belächelt. „Wirklich den Schritt zu machen, das ist ja noch was anderes, als darüber zu reden“, reflektiert Radoslaw heute die Reaktion seiner Familie.

25 Jahre die gleiche Stadt, die gleichen Leute. Radoslaw sehnt sich 2010 nach Veränderungen. Es ist das Jahr in dem Radoslaw Pacek dem Traum vom eigenen Geschäft noch ein ganzes Stück näher kommt. Er richtet einen Onlineshop ein. Lässt sich von einem Großhändler Ware liefern, die es nicht in Deutschland zu kaufen gibt. Und es ist das Jahr, in dem Radoslaw Pacek ein weiteres Mal seiner Heimat den Rücken kehrt. Der Umzug in die Hansestadt Rostock steht an. Dieses Etappenziel hat er seiner Freundin zu verdanken. Ines ist Rostockerin, hat Radoslaw aber in Lübeck kennengelernt. Zusammen entscheiden sie sich für ein Leben in Rostock. 2015 geben sich beide das Ja-Wort und dann kann sich Radoslaw seinem zweitgrößten Projekt widmen. Ein eigenes Lebensmittelgeschäft.

Am 29. September 2016 eröffnet Radoslaw sein Geschäft „Fernkost-Pacek“ in der Niklotstraße 11. Er erinnert sich noch gut an diesen Tag. Die Nacht davor hat er kaum geschlafen und immer noch riecht es im Laden stark nach Farbe. Ines Pacek streicht noch immer fleißig die Holz-Paletten, die die Inneneinrichtung des Geschäfts prägen, zu Ende. Auch der Tresen besteht aus dem hellen Holz. An Radoslaw ist kein Handwerker verlorengegangen, „Ich könnte es versuchen aber Ich habe keine Lust“, sagt Radoslaw von sich selbst. Hilfe bei der Inneneinrichtung hat er von seinem Schwager bekommen. Der Tischlermeister hat die Paletten so zugeschnitten, dass sie als Tresen und Regale funktionieren. Stilrichtung: Shabby Chic. Ein Blick in die leeren Süßwarenbehälter hinter dem Schaufenster aus Plexi-Glas lässt Radoslaw panisch hin und herlaufen. Eine Stunde vor Ladenöffnung trifft dann aber doch die Lieferung für die losen Süßwaren ein. Neugierige Kunden gibt es an diesem Tag genügend. Radoslaw informiert sie über das neue Angebot und kostet zusammen mit ihnen Produkte wie Mountain Dew, Twizzlers und Hershey‘s Schokolade.

Das herkömmliche Sortiment in großen Supermärkten hat Radoslaw mit der Zeit gelangweilt, mit seinem eigenen Laden hat er eine Nische entdeckt. Über den Tresen wandern in den Wochen nach der Eröffnung vor allem Twinkies, kleine mit Creme gefüllte Küchlein, die man aus amerikanischen Serien oder Filmen kennt. Kleine Riegel in den Geschmackssorten Peanutbutter sowie Zimt und Rosinen werden probiert. Gesundheitsdrinks wie Birkenwasser werden angeboten. Radoslaw will sich nach den Wünschen der Kunden richten, doch sobald er bei einem seiner fünf Großhändler etwas Neues sieht, wird es bestellt. Um nicht zu verpassen, was der internationale Markt außergewöhnliches zu bieten hat, fährt Radoslaw auch einmal im Monat nach Polen. Hier besucht er seine Familie und einen seiner inzwischen vier Großhändler.

Familie ist Radoslaw sehr wichtig. Seine Eltern haben ihn bei allen bisherigen Ideen unterstützt, die er angefangen oder auch nicht angefangen hat. Wurde er auch anfangs für seinen Traum vom eigenen Laden belächelt, so erhält er heute die volle Unterstützung seiner Eltern und Großfamilie in Polen. Besonders aufgeregt war Radoslaw vor wenigen Wochen. Die Neueröffnung lag hinter dem Ehepaar Pacek, da melden sich Lübecker und Polen zum Besuch an. Alles wird inspiziert und schlussendlich finden alle Verwandten und Freunde Gefallen an „Fernkost – Pacek“. „Je verrückter desto besser“, erinnert sich Radoslaw einen Lübecker Freund sagen.

Der 32-Jährige hat in Rostock erfahren dürfen, dass die Leute gerne etwas Neues probieren, dass sie viel nachfragen und sich auch schon gut mit dem einen oder anderen Produkt auskennen. Das ist auch ein Grund, warum ihm die Hansestadt so gut gefällt.

Viel Zeit für Freizeitaktivitäten bleibt allerdings nicht. Radoslaw verbringt täglich 10 bis 11 Stunden in seinem Geschäft. Bevor „Fernkost-Pacek“ um 11 Uhr öffnet, warten auf den Inhaber noch Emails, Facebookanfragen und Rechnungen. Ladenschluss ist um 19 Uhr. Danach sitzt Radoslaw noch ein paar Stunden vor dem Rechner und hält Ausschau nach Snacks und Getränken, die er schon bald seinen Kunden anbieten kann. Doch er verbringt diese Zeit gerne in seinem Laden und empfindet es als nicht so anstrengend wie es oft als Angestellter bei EDEKA war. „Da hast du echt nur noch auf das Wochenende zugearbeitet“, fasst der Ladeninhaber seine letzten Jahre bei der Supermarktkette zusammen.

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